Mystiker & Prophetie

Maria Simma und die Armen Seelen im Fegefeuer


Mehr als sechzig Jahre lang bestand eine bescheidene Näherin in den österreichischen Alpen darauf, dass die Verstorbenen sie besuchten. Maria Simma (1915–2004) aus Sonntag suchte nie die Öffentlichkeit, doch ihre berichteten Begegnungen mit den Armen Seelen im Fegefeuer zogen Briefe aus aller Welt auf sich und verliehen einer der stillen Glaubenswahrheiten der Kirche ein zartes, menschliches Antlitz. Ihr Zeugnis ist keine bindende Lehre, doch es hallt wider von einer uralten katholischen Überzeugung: dass die Lebenden und die Toten durch das Band der Liebe miteinander verbunden bleiben.

🖼BildplatzhalterDie Vorarlberger Berge im westlichen Österreich, wo Maria Simma ihr gesamtes Leben verbrachte und betete
Die Vorarlberger Berge im westlichen Österreich, wo Maria Simma ihr gesamtes Leben verbrachte und betete

Ein stilles Leben in den Vorarlberger Bergen

Maria Simma wurde am 2. Februar 1915 im Bergdorf Sonntag im österreichischen Vorarlberg als zweites Kind einer armen Bauernfamilie geboren. Von Kindheit an fühlte sie sich zum Ordensleben hingezogen, doch ihre schwache Gesundheit veranlasste drei verschiedene Klöster, sie abzuweisen. Anstatt ihrer Berufung zu entsagen, entschied sie sich, sie als laikale Ledige zu leben: Sie ernährte sich durch Nähen und die Pflege eines kleinen Gartens und widmete die verbleibenden Stunden dem Gebet.

Sie blieb ihr ganzes langes Leben in ihrem schlichten Bergchalet, heiratete nie und nahm für ihre geistliche Tätigkeit kein Geld an. Zur Zeit ihres Todes am 16. März 2004 war sie international bekannt geworden, doch wer sie besuchte, schilderte stets dieselbe Schlichtheit, die ihr gesamtes Leben geprägt hatte: eine Frau aus dem einfachen Volk, die mit entwaffnender Natürlichkeit von der jenseitigen Welt sprach.

Der Beginn der Besuche

Nach eigener Aussage begann Marias ungewöhnliches Apostolat in einer Nacht im Jahr 1940, als sie fünfundzwanzig Jahre alt war. Ein Mann erschien und schritt schweigend in ihrem Zimmer auf und ab. Erschrocken suchte sie den Rat ihres Pfarrers, der ihr riet, sich nicht zu fürchten, sondern die Seele zu fragen, was sie wolle. Die Erscheinung bat darum, dass drei Messen für ihn gefeiert würden, und schied dann.

In jenen frühen Jahren waren die Besuche selten – vielleicht zwei oder drei im Jahr –, gehäuft im November, dem traditionellen Monat der Kirche für das Gebet um die Verstorbenen. Ab 1954, so sagte sie, wurden die Begegnungen häufig und setzten sich bis ans Ende ihres Lebens fort. Sie bestand stets auf einem entscheidenden Unterschied: Sie rief niemanden herbei. Die Seelen kamen allein mit Gottes Erlaubnis, und sie warnte wiederholt, dass Séancen und Spiritismus verboten und gefährlich seien und niemals echten Kontakt mit den verstorbenen Gläubigen darstellten.

🖼BildplatzhalterEine einzelne brennende Kerze für die Armen Seelen – selbst das kleinste Gebet, sagte Maria, sei wie Wasser für einen ausgedörrten Wanderer
Eine einzelne brennende Kerze für die Armen Seelen – selbst das kleinste Gebet, sagte Maria, sei wie Wasser für einen ausgedörrten Wanderer

Was die Seelen angeblich offenbarten

Nach Marias Berichten beschrieben die Seelen das Fegefeuer nicht als Ort der Verzweiflung, sondern der läuternden Liebe, mit vielen Graden des Leidens, die dem noch nötigen Maß der Reinigung jeder einzelnen Seele entsprachen. Selbst inmitten echten Schmerzes, sagte sie, bewahren die Seelen Hoffnung und Freude und werden von der Gottesmutter getröstet, weil sie gewiss sind, schließlich den Himmel zu erreichen. Viele, berichtete sie, begehren diese Läuterung sogar selbst und wollen nicht in noch beflecktem Zustand vor Gott treten.

Auf die Frage, warum Seelen ins Fegefeuer kommen, verwies sie weniger auf schwere Vergehen als auf alltägliche Versäumnisse der Liebe: Herzenshärte, Feindseligkeit, Verleumdung und Sünden gegen die Nächstenliebe. Ein junger Mann, der starb, während er andere rettete, so erzählte sie, benötigte nur drei Messen, denn – in seinen Worten – „die Liebe bedeckt eine Menge von Sünden."

Die Klage, die sie am häufigsten vernahm, war das Vergessen. Die Toten werden von den Lebenden rasch vergessen, die wohl würdevolle Gedächtnisfeiern abhalten, aber kaum beten. Selbst ein kleines Gebet für sie, sagte sie, sei wie ein kühler Trunk Wasser, den man einem vor Durst sterbenden Wanderer in der Wüste reicht.

Wie die Lebenden helfen können

Die Mittel zur Hilfe für die Armen Seelen, die Maria beschrieb, sind genau jene, die die Kirche von jeher empfiehlt. An erster Stelle steht die Heilige Messe, die sie als die größtmögliche Hilfe bezeichnete, da sie das einzige Opfer Christi gegenwärtig setzt. Nach der Messe nannte sie den Rosenkranz und den Kreuzweg, Andachten, die durch das Leiden und die Fürsprache Unserer Lieben Frau hindurchführen.

Über das förmliche Gebet hinaus betonte sie das persönliche Opfer. Kein Angebot sei zu gering, um zu zählen: ein Fasten, ein geduldig ertragenes Leid, eine stille Selbstverleugnung, dargebracht für die Verstorbenen. Sie verwies auch auf Ablässe, die Anwendung der überreichen Barmherzigkeit Christi durch die Kirche, sowie auf Almosen und Werke der Barmherzigkeit, die für die Leidenden Seelen vollbracht werden. Unter den großen Fürbittern nannte sie vor allen die Allerseligste Jungfrau Maria, dann den heiligen Josef, die Engel und jene Heiligen, denen jemand im irdischen Leben besonders zugetan war.

VideoplatzhalterDie Heilige Messe, die Maria Simma als die größtmögliche Hilfe für die Armen Seelen im Fegefeuer bezeichnete
Die Heilige Messe, die Maria Simma als die größtmögliche Hilfe für die Armen Seelen im Fegefeuer bezeichnete

„Befreit uns von hier!" und die Interviews

Maria Simmas Zeugnis erreichte ein breites Publikum vor allem durch Interviews. Die französische Ordensschwester Emmanuel Maillard erstellte aus Gesprächen mit ihr ein kurzes, weit verbreitetes Büchlein: Das erstaunliche Geheimnis der Armen Seelen im Fegefeuer. Eine ausführlichere Darstellung erschien in Befreit uns von hier!, dem Ergebnis von mehr als dreißig Interviews, die Nicky Eltz über etwa fünf Jahre führte und die 2002 veröffentlicht wurden.

In diesen Büchern beantwortet Maria mit offenherziger Schlichtheit Hunderte von Fragen über Tod, Gericht, Leiden und Heil. Ihre Ortspfarrer bezeugten ihre schlichte Heiligkeit und wiesen auf die Flut von Briefen hin, die sie erhielt, sowie auf ihre Weigerung, irgendeine Vergütung anzunehmen. Die Interviewform hält den Blick dort, wo sie ihn stets hingelenkt hatte: nicht auf ihre Person, sondern auf die vergessenen Toten und die Pflicht der Lebenden, für sie zu beten.

Die katholische Lehre vom Fegefeuer

Was immer man von Maria Simmas privaten Erfahrungen halten mag – die Lehre, die sie veranschaulichen, ist feste katholische Glaubenslehre. Der Katechismus (Nummern 1030–1032) definiert das Fegefeuer als die letzte Läuterung jener, die in Gottes Gnade und Freundschaft sterben, aber noch nicht vollkommen geläutert sind – ein Zustand, der „sich grundlegend von der Strafe der Verdammten unterscheidet". Er bekräftigt die uralte Praxis des Gebetes für die Verstorbenen.

Die Kirche hat diese Lehre am präzisesten auf den Konzilien von Florenz und Trient formuliert. Die fünfundzwanzigste Sitzung des Konzils von Trient erklärte, dass das Fegefeuer existiert und dass den dort verweilenden Seelen durch die Gebete der Gläubigen und vor allem durch das Opfer des Altares geholfen wird. Marias berichtete Botschaften fügen kein neues Dogma hinzu; sie stellen in lebendiger Form dar, was die Kirche ohnehin glaubt und lehrt.

🖼BildplatzhalterEin Rosenkranz auf einem aufgeschlagenen Gebetbuch – Rosenkranz und Kreuzweg zählten zu den von den Armen Seelen am meisten erbetenen Gebetshilfen
Ein Rosenkranz auf einem aufgeschlagenen Gebetbuch – Rosenkranz und Kreuzweg zählten zu den von den Armen Seelen am meisten erbetenen Gebetshilfen

Ein Wort zur Unterscheidung

Die Kirche zieht eine sorgfältige Grenze zwischen der öffentlichen Offenbarung, die mit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen ist, und der Privatoffenbarung, die zwar wirklich von Gott kommen kann, dem Glaubensgut aber niemals etwas hinzufügt. Selbst anerkannte Privatoffenbarungen verlangen nach der Lehre des Katechismus nicht den Glaubensgehorsam; ihre Aufgabe ist es, den Gläubigen zu helfen, das Evangelium in einer bestimmten Zeit vollständiger zu leben.

Maria Simmas Erfahrungen haben kein förmliches kirchliches Urteil erhalten, das sie als übernatürlich anerkennt. Sie fanden die Ermutigung ihrer Pfarrer und stehen in enger Übereinstimmung mit der gefestigten Lehre, doch sie verbleiben im Bereich des privaten Zeugnisses, das mit Umsicht abzuwägen ist. Die rechte Antwort auf Maria Simmas Geschichte ist weder Leichtgläubigkeit noch Sensationslust, sondern eben das, wozu sie selbst aufgerufen hat: für die Toten zu beten.

Quellen & Weiterführende Literatur

  • MysticsOfTheChurch.com — Maria Simma: Visits from Souls in Purgatory
  • Catechism of the Catholic Church, 1030–1032 (vatican.va)
  • EWTN — Twenty-Fifth Session of the Council of Trent